Wir müssen mit Kindern über Karriere sprechen

Einen Beruf zu ergreifen, für den man „brennt“ und Leidenschaft hat, sollte das Ziel von uns allen sein. Es gibt keine typischen Frauen- und Männerberufe. Daher möchte ich nochmals dazu aufrufen, bereits mit den Kleinsten über Berufswahl, Bildung und Karriere zu sprechen. Natürlich kindgerecht! Aber vor allem ohne Vorurteile.

Kinder an die Hand nehmen und über Vorurteile sprechen (Bild: Pixabay)

Sind wir klischee-frei?

Die zahlreichen Reaktionen auf meinen erst kürzlich veröffentlichten Artikel „Es war einmal… – Klischees haben in der Berufswahl nichts zu suchen“ machten deutlich, dass ich mit meinem Kommentar einen Nerv getroffen habe. Sie zeigten, wie wichtig es ist, dass wir uns auch heute noch offen und kritisch mit der Berufsorientierung von Kindern auseinandersetzen.

„Lasst die Kinder Kinder sein. […] Kinder haben von sich aus kein Klischee-Denken. In dem Moment, wenn ich als Erwachsener kindliche Gedanken politisiere, egal welches Thema, sind Kinder in der Regel überfordert oder machen sich zu viele Gedanken.“

Kommentar einer Leserin auf meiner Facebookseite

Es ist richtig, dass Kinder nicht von Haus aus in Klischees denken oder Vorurteile haben. In der Vergangenheit habe ich jedoch wiederholt die Erfahrung gemacht, dass Kindern im Alltag immer noch Vorurteile und Stereotype vermittelt werden – oftmals sogar unbewusst und nicht beabsichtigt. Sei es, durch Bücher, die wir mit den Kindern lesen, oder durch Filme (Prinzessinnen, Superhelden etc.), die Kinder schauen, oder bei Spielen, in denen bestimmte Rollen eingenommen werden.

Märchen-Prinzessinnen neu interpretiert: mit erfolgreicher Karriere (Grafik: Matt Burt)

Meiner Meinung nach müssen wir als Eltern noch bewusster darauf achten, welche Rollenbilder Kinder in bestimmten Büchern und Filmen oder einfach nur im Gespräch beziehungsweise Spiel mit anderen vermittelt werden.

Es zieht sich bis ins Erwachsenenalter

Wie wir unsere Kinder erziehen und aufklären, wirkt sich auf ihr gesamtes Leben aus. Bei Gesprächen mit Klienten, aber auch im Familien- und Freundeskreis merke ich immer wieder, wie sich bestimmte Rollenbilder und Stereotype manifestiert haben. Deutlich wird es an der Art und Weise, wie wir über Arbeit, Alltag und berufliche Erfolge sprechen:

  • „Ich bewundere dich dafür, wie du das als Frau meisterst: deinen Alltag mit Kindern und deinen Beruf.“
  • „Ich habe mich schlecht gefühlt, als meine Partnerin eine Zeitlang allein für unseren Lebensunterhalt gesorgt hat.“
  • „Du willst später Automechanikerin werden? Aber das machen doch nur Männer.“
  • „Sei egoistisch, bleib in Deutschland und denke an deine eigene Karriere. Dein Mann kann doch alleine ins Ausland gehen.“
  • „Eigentlich wäre ich gerne Erzieher geworden. Aber dann wäre ich der einzige Mann gewesen und andere hätten sich lustig gemacht.“

Ich möchte betonen, dass ich mir diese Beispiele nicht ausgedacht habe, und diese Liste noch fortführen könnte. Natürlich zähle ich gerade nur Negativbeispiele auf. Es gibt auch viele positive Beispiele. Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, so haben mich meine Eltern immer dazu motiviert, einen Beruf zu ergreifen, der mir Freude macht. Sie haben mich bei allen Entscheidungen unterstützt. Und genauso handhabe ich das mit meinen Kindern.

Auch Kinder interessieren sich bereits für Karriere

Mit meinen Töchtern spreche ich offen über Bildung und Berufe. Ich sage natürlich nicht zu ihnen „So, jetzt reden wir mal über deine Zukunft.“ Vielmehr nehme ich die Gelegenheit beim Schopf, wenn sie von sich aus das Gespräch darauf lenken.

Meine große Tochter kam eines Tages aus der Schule und erzählte mir „Weißt du, die Mama von xy ist Krankenschwester, und der Papa von yz arbeitet immer nachts.“ Da wurde mir erstmals bewusst, dass sich auch die vier- bis sechsjährigen Kinder über Arbeit und die Berufe ihrer Eltern austauschen. Dies habe ich zum Anlass genommen, mit meiner Tochter über die Berufe meines Mannes und mir zu sprechen. Ich habe ihr erklärt, welches Fach wir studiert haben und welche Aufgaben wir tagsüber erfüllen, wenn sie in der Schule ist. Anschließend habe ich ihr erklärt, welche unterschiedlichen Wege es gibt, einen Beruf zu erlernen: Ausbildung, Studium etc.

Die Berufswelt ist vielfältig, Karrieren sind bunt (Grafik: Pixabay)

Sind Vorurteile ein Problem in unserer Gesellschaft?

Leider werden in der Gesellschaft immer noch Abstriche gemacht, welche Schul- und Berufsabschlüsse anerkannter oder höherwertiger sind. Es werden Menschen vorverurteilt und in Schubladen „gesteckt“, weil sie eine bestimmte berufliche Richtung eingeschlagen haben.

„Ergänzend zu Rollenklischees könnte man auch gleich noch über Klischees hinsichtlich des Wertes bestimmter Ausbildungsziele und Abschlüsse diskutieren (Schulabschluss, Berufsausbildung, Studium an der Uni, Studium an der FH, Privatuni, Promotion etc.). Es existieren teils eigenartige Wahrnehmungen über „Handwerker, die es nicht weitergebracht haben“ oder „Abgehobene, arrogante Akademiker“. Man wird aber nicht Handwerker, weil man ein Studium nicht geschafft hätte, sondern weil man den Beruf gern erlernen wollte und Spaß an handwerklichen Dingen hat. Man studiert nicht, weil man zu faul zum Arbeiten ist, sondern seinem Forscherdrang nachgehen möchte. Ein Mittelschulabschluss ist nicht weniger bedeutend als ein geschafftes Abitur oder Studium. Hier ist aus meiner Sicht noch sehr viel für gegenseitige, wertschätzende Wahrnehmung und Anerkennung zu tun. Und das betrifft mittlerweile die gesamte Gesellschaft, mitunter mit gravierenden Folgen.“

Kommentar eines Lesers auf LinkedIn

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Es ärgert mich massiv, dass Personen mit einer Berufsausbildung so viel schlechter bezahlt werden als Akademiker, Influencer und Prominente.

Kommentar der Streetart- und Aktionskünstlerin „Barbara.“

Die Berufswelt ist vielfältig und wird immer diverser. Die Wertschätzung und Entlohnung eines Berufs sollte niemals daran gemessen werden, auf welchem Weg man diesen erlernt hat. Und die Arbeit von allen sollte entsprechend honoriert und gewürdigt werden. Hier liegt noch viel Aufklärungsarbeit vor uns.

Lasst uns ins Gespräch kommen

Ein wichtiger Schritt ist es, miteinander in den Dialog zu treten und kritisch über Berufswahl, Rollenbilder und andere Stereotype zu diskutieren. Fragt eure Mitmenschen nach ihrer Meinung, diskutiert sachlich und tauscht euch aus.

Ich freue mich wieder ganz besonders über Anmerkungen und Diskussionsbeiträge zu diesem Artikel. Hinterlasst einen Kommentar oder schreibt mir eine E-Mail an susan[at]karrierepfa.de.

Weitere Informationen

7 Gedanken zu “Wir müssen mit Kindern über Karriere sprechen

  1. Pingback: Sechs Fragen an mich selbst – Karrierepfade im Interview | Karrierepfade

  2. Ein sehr schöner Blogbeitrag, sehr schön zu lesen! Ich würde nur anmerken, dass Handwerker*innen und klassische Ausbildungsberufe bei weitem nicht viel schlechter bezahlt werden als akademisierte Berufe. Aufgrund des Fachkräftemangels werden Handwerker & Co Mangelware und was knapp ist, ist meist auch teurer (leider ausgenommen die sozialen Berufe, wobei eine Pflegekraft in etwa das Gehalt einer/s Sachbearbeiters/in mit Bachelorabschluss verdient). Beim Ansehen der Ausbildungsberufe spielt meiner Einschätzung nach eher die stetig wachsende Bildungsaspiration (Streben nach Bildung) in unserer Gesellschaft eine Rolle. Höher, weiter, schneller, Bildung ist wichtig und wird immer wichtiger um ein anerkanntes Mitglied in unserer Gesellschaft sein zu können. Das sehe ich auch so, Bildung is the key. Aber wer Abitur gemacht hat, will meistens auch studieren (Ansehen!!). Ich denke, die Berufe, in denen heute schon Fachkräftemangel herrscht, sollten (wie auch in anderen Ländern bereits umgesetzt) akademisiert werden. Erziehungswissenschaftler*innen sind schon heute oft z.B. in Kitas tätig und auch die Pflegeberufe dürften durch ein Studium an Ansehen und Relevanz gewinnen. Aber ich schweife etwas ab und pflichte dir ganz doll bei, dass wir so früh es geht mit Kindern über Berufe und Karrieren sprechen müssen, bevor sich Rollenbilder fest verankern…leider ist vielen Menschen gar nicht bewusst, welche Probleme diese Rollenbilder verursachen, bzw. dass sie Rollenbilder selbst verkörpern #teamrosa #teamblau nervt mich tierisch! Liebe Grüße!

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    • Herzlichen Dank für deine Anmerkungen. Es ist wahr, traurigerweise sind Ausbildungsberufe weniger angesehen. Ich frage mich immer wieder, warum das so ist, und was man dagegen tun kann. Außer zu sensibilisieren. Hast du eine Idee?

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  3. Was mir auffällt, ist, dass Mädchen immer erzählt wird, sie sollen ihren Interessen folgen, egal „wohin“. Genauso wichtig finde ich, in Mädchen und Frauen den Gedanken zu verankern, dass sie eine Familie ernähren können sollten ! Denn Gleichberechtigung bzw Gleichstellung ist dann hinfällig, wenn es eben keine freie Wahl der Aufteilung Job/Familienarbeit gibt, weil das (oft weibliche) Einkommen gar nicht ausreicht, um 50% oder 100% zum Familieneinkommen beizutragen. Und sich daraus eben auch typisch unterbezahlte „Frauenjobs“ verfestigen. Die Frage „Erzieherin ist ja nett, aber wie will sie damit ihre Familie ernähren?“ stößt immer noch auf Unverständnis (obwohl genau darum so wenige Männer Erzieher werden). Da steckt in den Köpfen noch viel mehr Klischee, als man denkt.

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  4. Ich stimme dir total zu und freue mich, dass derartige Themen zunehmend mehr in der Gesellschaft diskutiert werden. Mit deinen Blogbeiträgen trägst du auf jeden Fall einen wichtigen Teil zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Klischees und Rollenbildern bei. Ich würde mich total freuen, wenn du Empfehlungen für geeignete Kinderliteratur, -filme etc. veröffentlichen würdest. Vielleicht noch ein paar Tipps, wie man den ganz Kleinen komlexe Berufe einfach erklärt 🙂

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    • Herzlichen Dank für dein Feedback, Jacqueline. Für einen Einstieg in die Materie finde ich die Bücher „Ich habe eine/n Freund/in, der/die ist…“ sehr gelungen. In einer schönen Geschichte verpackt lernen die Kinder verschiedenste Berufsbilder kennen. Filme fallen mir sontan nicht ein, aber dazu werde ich recherchieren.

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