Wie das Coronavirus unseren Berufsalltag und unser Leben verändert

Einige Worte zu den Auswirkungen des Coronavirus weltweit, zu gesetzlichen Regelungen der Berufstätigkeit sowie zur Psychologie der Pandemie.

Letzte Nacht hat mich ein Sturm wachgehalten – und damit meine ich nicht die Unruhe in der ganzen Welt aufgrund der COVID-19-Pandemie, sondern einen so starken Wind, der unser kanadisches Holzhaus in allen Ecken und Kanten zum Knacken brachte. Aber während ich wach im Bett lag und dem Sturm lauschte, dachte ich über die aktuelle Situation und die Konsequenzen nach…

Mittlerweile schließen in fast allen deutschen Bundesländern Schulen und Kindereinrichtungen. Museen bleiben zu, außerdem werden Messen, kulturelle Veranstaltungen, Sportereignisse und Versammlungen abgesagt. Nachdem es in Kanada noch sehr ruhig und entspannt zuging, überschlagen sich in den letzten Tagen nun auch hier die Nachrichten und Entwicklungen zum aktuellen Coronavirus (COVID-19), die von der Weltgesundheitsorganisation am 11. März 2020 offiziell zur Pandemie erklärt wurde.

In Kanada war zuletzt bekannt geworden, dass Sophié Gregoire, die Ehefrau des kanadischen Premierministers Justin Trudeau, nach ihrer Rückkehr aus Großbritannien positiv auf COVID-19 getestet wurde und sich das Ehepaar daraufhin in Selbstisolation begeben hat. Trudeau regelt nun also die Politik im Homeoffice und hält Videokonferenzen in den eigenen vier Wänden ab. Dies ist nur eines von vielen Beispielen, an dem deutlich wird, dass keine Berufsgruppe von der aktuellen Krise ausgenommen ist.

Aus meiner Sicht sind insbesondere Mitarbeiter im Gesundheitswesen (Ärzte, Zahnärzte, Pfleger, Physiotherapeuten, Apotheker) einem Risiko ausgesetzt sowie alle weiteren Berufsstände, die im direkten Kontakt mit vielen unterschiedlichen Menschen stehen (Mitarbeiter im Einzelhandel, Lehrer und Erzieher, Friseure und Kosmetiker etc.).

Ich habe mich gefragt, wie sich die Lage auf deutsche Berufstätige auswirkt und durch welche Gesetze sie in der momentanen Situation abgesichert sind. Hier einige wichtige Fragen und Antworten:

FAQ: Regelungen zur Berufstätigkeit während der angespannten Gesundheitslage

Ich habe Angst, mich anzustecken. Darf ich zuhause bleiben?

„Nein. „Arbeitnehmer haben kein Recht, präventiv zu Hause zu bleiben, nur weil sie sich vor einer Ansteckung fürchten“, sagt Esther Dehmel, Fachanwältin für Arbeitsrecht bei der Wirtschaftskanzlei CMS Hasche Sigle. Mitarbeiter können auch nicht einfach im Homeoffice bleiben, weil es hierzulande kein Recht auf Heimarbeit gibt. Andersherum darf der Betrieb auch nicht einfach die Heimarbeit verordnen.

Was gilt, wenn ein Kollege erkrankt ist? Angestellte, die mit erkrankten Kollegen in Kontakt gekommen sind, sollten sich ärztlich untersuchen lassen. Bis das Ergebnis feststeht, können sich diese Mitarbeiter freistellen lassen – und werden weiter entlohnt.“ [Quelle: Handelsblatt, Zugriff am 13.03.2020]

Habe ich ein Recht darauf, im Homeoffice zu arbeiten?

Hierfür gibt es keine gesetzliche Grundlage in Deutschland. Allerdings können individuelle Regelungen mit dem Arbeitgeber vereinbart werden. Immer mehr Unternehmen rufen mittlerweile dazu auf, von zuhause zu arbeiten.

Mein Unternehmen schließt, bekomme ich trotzdem weiterhin mein Gehalt?

„Im Hinblick auf die Entgeltfortzahlung gilt, dass der Arbeitgeber grundsätzlich weiter zur Entgeltzahlung verpflichtet bleibt, wenn die Arbeitnehmer arbeitsfähig und arbeitsbereit sind, aber er sie aus Gründen nicht beschäftigen kann, die in seiner betrieblichen Sphäre liegen (sog. Betriebsrisikolehre, § 615 Satz 3 BGB). Dazu würden etwa Fälle zählen, in denen es aufgrund von COVID-19-Erkrankungen zu erheblichen Personalausfällen oder Versorgungsengpässen käme, in deren Folge der Arbeitgeber die Betriebstätigkeit vorübergehend einstellen würde. Die Arbeitnehmer behalten also in diesen Fällen ihren Entgeltanspruch, auch wenn sie nicht arbeiten können.“ [Quelle: BMAS, Zugriff am 13.03.2020]

Ich muss in Quarantäne gehen, bekomme ich trotzdem mein Gehalt?

„Wer im Homeoffice arbeiten kann, ist durch eine häusliche Quarantäne nicht eingeschränkt – und bekommt sein Gehalt. Diejenigen aber, die auf die Arbeit im Unternehmen angewiesen sind, hätten zwar keinen arbeitsvertraglichen Anspruch auf ihren Lohn, erklärt Björn Otto, Partner bei CMS Hasche Sigle. Allerdings müsse der Arbeitgeber den Betroffenen nach dem Infektionsschutzgesetz sechs Wochen lang eine Entschädigung in Höhe des Verdienstausfalls zahlen. Am Ende also bekommen Mitarbeiter ihr Geld. „Dauert die Quarantäne allerdings länger als sechs Wochen, wird die Entschädigung nur noch in Höhe des Krankengeldes gewährt“, sagt Otto. Das gilt allerdings nur für fest angestellte Mitarbeiter, Freiberufler haben das Nachsehen.“ [Quelle: Handelsblatt, Zugriff am 13.03.2020]

Die Kita bzw. Schule meiner Kinder hat geschlossen. Was heißt das für mich, kann ich mit ihnen zuhause bleiben?

„Unter bestimmten Bedingungen ist das für eine kurze Zeit möglich, mit Lohnfortzahlung. Grundlage dafür ist § 616 des Bürgerlichen Gesetzbuchs („vorübergehende Verhinderung“). Eltern müssen vorher intensiv geprüft haben, ob es eine andere Möglichkeit der Betreuung gibt. Dazu muss man auch das anstehende Wochenende nutzen. Ein praktisches Problem dabei könnte werden, dass viele Familien in Notfällen gerne auf die Großeltern zurückgreifen würden, aktuell aber vom Kontakt mit den Enkeln abgeraten wird. Ältere Menschen gehören zur Risikogruppe für das neuartige Coronavirus. Findet man auf die Schnelle überhaupt keine Betreuung, dürfen Arbeitnehmer für wenige Tage zu Hause bleiben und bekommen weiter Lohn gezahlt. Wichtig ist aber: Das ist auf keinen Fall eine Dauerlösung. In jedem Fall sollte man seinen Arbeitgeber informieren, wenn man spontan nicht zur Arbeit kommen kann – und prüfen, ob im Arbeits- oder Tarifvertrag die Rechte von § 616 vielleicht ausgeschlossen wurden. Das ist zumindest möglich.

Und was können Eltern auf längere Sicht tun? Sie sollten dann verschiedene Möglichkeiten prüfen. Kann ich bezahlten Urlaub nehmen? Wenn das nicht geht oder zu wenig Urlaubstage da sind: Kann ich unbezahlten Urlaub nehmen? Oder kann ich vielleicht von zu Hause aus arbeiten? Homeoffice würde natürlich bedeuten, zu Hause auch wirklich zu arbeiten, womöglich zu flexibleren Zeiten als im Büro. All diese Dinge sollte man unbedingt mit dem Arbeitgeber besprechen und nach einvernehmlichen Lösungen suchen.“ [Quelle: Tagesschau, Zugriff am 13.03.2020]

Auswirkungen der Coronavirus-Krise auf Freiberufler und Selbstständige

Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, Unternehmen mit Liquiditätshilfen und Stundung von Steuern, Finanzhilfen, Kreditprogrammen oder auch Kurzarbeitergeld zu unterstützen.

Doch was ist mit Freiberuflern und Selbstständigen, die zum Beispiel als Schauspieler, freie Autoren, Trainer, Coaches oder Fotografen ihren Lebensunterhalt verdienen und denen nun zahlreiche Aufträge ersatzlos wegfallen?

Welche Hilfen und Unterstützungen gibt es für diese Berufsgruppen? Bisher habe ich hierzu keine aussagekräftigen Informationen gefunden.

David Erler, ein freiberuflicher Sänger aus Leipzig, hat aus diesem Grund am 11. März 2020 eine Petition zur Unterstützung von Freiberuflern und Künstlern während des Corona-Shutdowns gestartet, die bereits von 70.090 Menschen unterzeichnet wurde (Stand: 13.03., 15:59 Uhr MEZ). Er schreibt hierzu

„Aufgrund dieser Freiberuflichkeit leben viele dieser Künstlerinnen und Künstler (Sänger, Instrumentalistinnen, Veranstaltungs- und Bühnentechniker, Fotografinnen, Filmkünstler, freie Autorinnen und Autoren und Journalisten etc., aber letztlich jeder freiberuflich Tätige, von der Tagesbetreuung bis hin zu vielen MitarbeiterInnen in Museen und Gedenkstätten; siehe Schlussbemerkung) ohnehin am Rand des Existenzminimums, aber durch die derzeitige massenhafte Absage von Veranstaltungen drohen sie über diesen Rand gestoßen zu werden. Dabei greifen auch nicht die gesetzlichen Regelungen für den Verdienstausfall. Diese treffen nur zu, wenn man selbst in Quarantäne muss. Wie bei allen anderen Menschen laufen aber Rechnungen und Verbindlichkeiten uneingeschränkt weiter, muss Miete, Strom, Lebensunterhalt und vieles mehr gezahlt werden, hängen oftmals auch ganze Familien an diesem nun wegfallenden Einkommen. Ich fordere daher von der Bundes- und den Landesregierungen, sich bei den angedachten Finanzhilfen und Unterstützungen nicht nur auf Unternehmen und Firmen sowie deren Angestellte zu konzentrieren, sondern vor allem auch die mitunter wesentlich prekärere Lage der o.g. Freiberufler/Kunstschaffenden zu berücksichtigen, die Finanzhilfen mithin ausdrücklich auch auf diese auszuweiten, und dies so unbürokratisch wie möglich. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind nicht in der Lage, ohne weiteres einen oder zwei Monate ohne Einnahmen zu überbrücken, wie dies in der gegenwärtigen Lage jedoch vonnöten sein könnte.“

Auswirkungen der Krise auf Expatriates und Auswanderer weltweit

In vielen Ländern gibt es mittlerweile Ein- und Ausreiseverbote bzw. Reisewarnungen oder geschlossene Grenzen. Ich habe in den letzten Tagen von vielen abgesagten und verschobenen Reisen gehört. Für Familien, die im Ausland leben, bedeutet das weniger Kontakt zu ihren nächsten Angehörigen im Heimatland und umgedreht natürlich auch, keinen Besuch aus der Heimat empfangen zu können.

Viele internationale Familien können derzeit im Not-, Todes- oder Krankheitsfall nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen zu ihren Familien reisen. Familien weltweit sind getrennt, weil die Partner von Dienstreisen oder Heimaturlauben aktuell nicht zurückreisen können bzw. die Familien bewusst entschieden haben, dass ein Teil der Familie zurück ins Heimatland geht.

Natürlich finde ich diese Reiseeinschränkungen gut und richtig, um die Verbreitungskurve der Erkrankung abzuflachen. Dennoch möchte ich diese zahlreichen Einzelschicksale nicht unerwähnt lassen, da sich viele internationale Familien neben den aktuellen Einschränkungen durch die Gesundheitslage mit weiteren emotionalen Belastungen auseinandersetzen müssen.

Die Psychologie der Pandemie 2020 – ein Kommentar

Die aktuelle Lage ist für alle Menschen weltweit herausfordernd und bringt uns sicherlich ein stückweit an unsere Grenzen. Ich bin überzeugt davon, dass wir durch diese Pandemie viel dazulernen werden – persönlich, aber auch gesellschaftlich. Und ich wünsche mir, dass wir als Folge stärker zusammenrücken und nicht auseinanderdriften.

Aktuell beobachte ich viele sozialpsychologische Phänomene (Hamsterkäufe, Panikmache…) und als Psychologin mache ich dafür eine starke Angst von Menschen verantwortlich. Angst – eine natürliche Schutzreaktion bei realen oder angenommenen Bedrohungen – kann in unbekannten Situationen zu einem Gefühl des Kontrollverlusts führen. Doch wir Menschen wollen Kontrolle über unser eigenes Leben haben, denn das gibt uns das Gefühl, bestimmte Ereignisse vermeiden oder beeinflussen zu können.

So kann man also beispielsweise die zahlreichen Panikkäufe, die sich gestern nun auch in meinem Wohnort ereigneten, darauf zurückführen, dass Menschen in der sich aktuell stündlich verändernden Lage zumindest einen Teil ihrer Kontrolle zurückgewinnen wollen und somit die empfundene Angst bzw. Ungewissheit ein stückweit kanalisieren können.

Meinungen, Kommentare oder Hinweise?

Wie beeinflusst die aktuelle Pandemie deinen Berufsalltag und dein Leben allgemein? Welche Einschränkungen hast du dadurch bereits erfahren und wie gehst du damit um? Ich freue mich über deine Anmerkungen.

Pass auf dich auf! Viele Grüße aus Kanada, Susan

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hatte ich geschrieben, dass einige Bundesländer Schulen schließen, mittlerweile haben sich fast alle Bundesländer zu diesem Schritt entschlossen.

4 Gedanken zu “Wie das Coronavirus unseren Berufsalltag und unser Leben verändert

  1. Pingback: Karriereplanung und Jobsuche in unsicheren Zeiten | Karrierepfade

  2. Pingback: [Petition] Staatliche Finanzhilfen auch auf Freiberufler ausweiten | Karrierepfade

  3. Danke für die Aufklärung! Ich glaube, dass dieser Artikel viele Ängste nehmen kann. Nachdem es hier in Nova Scotia auch sehr lange ruhig war und wir (noch) keinen Fall haben (wo kein Test kein Kranker) kommt es hier nun auch Schlag auf Schlag. Wir Lehrer sind von der Schulbehörde gebeten worden, ein Chrombook zwecks Informationsbeschaffung mitzunehmen und die Emails zu checken. Unsere Schule wird in den Ferien gründlich desinfiziert. Schüler, die in den Ferien weg fahren, müssen nach den Ferien 2 Wochen Selbstquarantäne durchziehen. Ich bin froh, dass jetzt erstmal Ferien sind.Liebe Grüße aus Nova Scotia, Nadine

    Gefällt 1 Person

    • Gern geschehen. Mittlerweile gibt es ja immer mehr Beiträge, die die wichtigsten FAQ beantworten. In dieses Zeiten wichtig, damit die Menschen Ruhe bewahren und sich nicht unnötig sorgen.

      Kanada hat zwar noch sehr niedrige Zahlen, aber auch diese steigen. Ich finde es gut, dass bereits jetzt schon so viele Maßnahmen ergriffen werden. Better safe than sorry.

      Lieben Gruß zurück in wunderschöne Nova Scotia.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s