Danke Windsor, danke Kanada! đź–¤

1.168 Tage – so lange habe ich in Windsor gelebt, wenn ich bald in den Flieger nach Frankfurt steige. In meinen 35 Jahren bin ich einige Male umgezogen, doch internationale UmzĂĽge haben fĂĽr mich einen Hauch von Besonderheit. 6.629 km liegen zwischen Kassel und Windsor, ein Wiedersehen muss geplant und Zeitzonen ĂĽberbrĂĽckt werden.

Meine Expatkollegin Mariam hat vor jedem Abschied eine besondere Tradition: Sie schreibt einen Abschiedsbrief an das aktuelle Gastland. Diese wundervolle Idee habe ich fĂĽr Kanada und Windsor ĂĽbernommen…

Liebes Windsor, liebes Kanada,

ich habe mein Herz an euch verloren. Nicht erst seit 2017, sondern bereits vor 20 Jahren. Damals erkundete ich mit meiner Familie Vancouver, fuhr mit der Fähre bis an den südlichsten Zipfel Alaskas. Es ging durch die Rocky Mountains, Nationalparks und atemberaubende Landschaften, quer durch British Columbia und Alberta, zurück nach Vancouver. Bereits ein Jahr später, 2001, verbrachte ich meinen ganzen Sommer bei einer Gastfamilie in Toronto. In dieser Zeit schloss ich internationale Freundschaften fürs Leben und schon damals hast du mich in deinen Bann gezogen.

K-a-n-a-d-a, schon bei Aussprechen deines Namens bekomme ich Gänsehaut… Während der letzten drei Jahre warst du mein Zuhause und bist zu einer weiteren Heimat geworden. Du hast einen besonderen Platz in meinem Herzen.

Als mein Mann mich 2016 fragte, ob ich mir vorstellen könnte, längere Zeit hier zu verbringen, war meine Antwort sofort klar: NatĂĽrlich! Im Herbst 2016 besucht ich dich, Windsor, zum ersten Mal. Es war nicht Liebe auf den ersten, aber auf den schnellen zweiten Blick und schon nach einem halben Tag hatte ich das GefĂĽhl, dass ich dich sehr mögen wĂĽrde. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich beim Erkundungstrip wenige Monate vor dem eigentlichen Umzug ein Geschäft besuchte und mit der Verkäuferin den ĂĽblichen kanadischen Small-Talk hielt. Ich erzählte ihr, dass ich bald hier wohnen werde und sie fragte mich nur „In Windsor? Seriously? Why?“ Sie konnte gar nicht verstehen, dass ich freiwillig hierherziehen wollte.

Damals kannte ich dich erst einen Tag und ich sagte zu ihr: „Why not? I love the size of the city. There are so many parks, playgrounds, nice restaurants and it’s family friendly. I have a three years old at home in Germany and I am planning to have another kid, Windsor seems like the perfect place to do this.“ Ich konnte das sagen, denn ich hatte dich bereits in mein Herz geschlossen. Schon 6,5 Monate vor dem eigentlichen Umzug war eine erste Verbindung zwischen uns entstanden.

Auch heute noch – 3,5 Jahre später – schauen mich Menschen, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben, ungläubig an, weil ich mich dir so verbunden fĂĽhle.

Ich habe dir im Internet ein kleines Denkmal gesetzt, mit einer Liste der 100 Dinge, die man in dir gesehen oder getan haben sollte. Kürzlich schrieb mir Jemand, dass er durch diese Liste Lust bekommen habe, dich intensiver zu erkunden. Das hat mich sehr glücklich gemacht und das ist mein Geschenk an dich, Windsor! Ich möchte, dass dich noch viele andere Menschen mit meinen Augen sehen. 🖤

100 things to do in Windsor [by @100xwindsor]

Danke für diese wunderbare Zeit. Ich werde es vermissen, am Detroit River spazieren zu gehen und dabei auf die Skyline von Detroit zu blicken. Ich werde deine vielen Parks vermissen, die traumhaften Spielplätze, auf denen meine Töchter nur allzu gern herumtoben und die nun wegen COVID-19 leider schon seit drei Monaten gesperrt sind. Wie oft bin ich mit meiner Familie über die Brücke oder durch den Tunnel mal eben in die USA gefahren, immerhin wohnen wir nur 5 min von Detroit entfernt. Die Nähe zum Point Pelee National Park, die Lage inmitten der Großen Seen und nur 3,5 Stunden von Toronto entfernt schätze ich sehr.

Ich denke an die wundervollen Reisen, die ich von dir aus unternommen habe, zu Zielen, die von Deutschland so weit weg erscheinen, doch hier um die Ecke sind: Nova Scotia, MontrĂ©al, New Orleans, Kalifornien, Chicago, Washington D.C., New York, Kuba und Jamaika. Die ganz andere Flora und Fauna, sechs Monate Winter und sechs Monate Sommer ohne wirkliche Zwischenstufen. Und natĂĽrlich werde ich meine Freunde vermissen – die fĂĽr mehr als drei Jahre meine Ersatzfamilie waren!

Doch dann stehe ich auf dem Hügel im Malden Park, einem meiner Lieblingsorte in Windsor, und blicke über dich, dein vieles Grün, am Horizont sehe ich deine Hochhäuser und die von Detroit, die Vögel zwitschern (meine nordamerikanischen Lieblingsvögel: die Kardinäle und Orioles). Ich atme tief durch und freue mich auf alles, was vor mir liegt:

Ein Neuanfang in der alten Heimat Kassel. Es scheint alles beim Alten, doch natürlich habe ich mich durch dich verändert und weiterentwickelt. In Windsor, in Kanada, mit neuen internationalen Freunden und mit allen, die mich von Deutschland besucht haben. Als Familie von Dreien sind wir gekommen, als Familie von Vieren kehren wir zurück.

Ich bin dankbar, dass ich diese beruflichen und persönlichen Erfahrungen sammeln konnte, deine verborgenen Schätze entdecken durfte und neue Freundschaften geschlossen habe. Zahlreiche und unbezahlbare Erinnerungen nehme ich mit nach Deutschland. Danke Windsor, danke Kanada!

…und ich mache es wie Mary Poppins und sage nicht „Good bye,“ sondern „until we see each other again!“

Bis bald, Susan

P.s.: Sieben Lieder, die ich mit der Zeit in Nordamerika verbinde…

„Don’t stop believin'“ von Journey – die inoffizielle Hymne von Windsor

„[…] Just a small-town girl
Livin‘ in a lonely world
She took the midnight train goin‘ anywhere
Just a city boy
Born and raised in South Detroit
He took the midnight train goin‘ anywhere […]“

„Coming Home“ von City and Colour

„[…] I’ve seen the streets in the West
I’ve driven down the 90, hell I’ve seen America’s best
I’ve been through the Rockies, I’ve seen Saskatoon
I’ve driven down the highway 1 just hopin‘ that I’d see you soon
[…] I’ve been through Nova Scotia, Sydney to Halifax
I’ll never take any pictures cause I know I’ll just be right back
‚Cause I’m comin‘ home […]“

„Wonderwall“ – Erinnerungen an ein tolles Konzert von Noel Gallagher und den Smashing Pumpkins in Michigan
„Auf uns“ von Andreas Bourani – ein Lied, das mich bei beiden internationalen UmzĂĽgen intensiv begleitet hat

„[…] Wer friert uns diesen Moment ein
Besser kann es nicht sein
Denkt an die Tage die hinter uns liegen
[…] Ein Hoch auf das, was vor uns liegt
Dass es das Beste fĂĽr uns gibt
Ein Hoch auf das was uns vereint
Auf diese Zeit […]“

„Ventura Highway“ – Erinnerung an einen wundervollen Urlaub in Kalifornien, immer entlang des Highway #1

„[…] Ventura Highway in the sunshine
Where the days are longer
The nights are stronger
Than moonshine […]“

„Border City Town“ von Brendan Scott Friel, einer von Windsors bekanntesten Musikern (gleichzeitig auch der Musiklehrer in der Schule meiner Töchter)
„Angela“ von den Lumineers – ein Lied, zu dem vor allem meine Tochter unzählige Male durch unser Haus getanzt ist

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